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Was ist Ornament?

Ornament ist ein Spiel mit zwei Komponenten: Auf der einen Seite Ordnungsprinzipien, die eine Anordnung von Formen erlauben, auf der anderen Seite Formen, die sich in ein Ordnungsprinzip einfügen lassen. Das Verhältnis der beiden Komponenten lässt sich schwerpunktmäßig zugunsten der einen oder anderen Komponente verschieben. Während im Jugendstil eine Formenvielfalt vor allem mit gegenständlichen Motiven überwiegt, sodass ein Ordnungsprinzip schwerer erkennbar ist, überwiegt heute das Zurschaustellen von reinen und einfachen Ordnungsprinzipien, und die Formen verschmelzen mit ihnen zu ungegenständlichen Motiven wie Quadrate, Rechtecke, Linien, Dreiecke und Punkten.

Früher wurden die Ordnungsprinzipien Rapport, Rhythmus, Wiederholung genannt. Heute heißen sie ganz einfach und jedem vertraut Raster. Formen, die in ein solches Raster passen sollen, müssen erst einen Wandlungsprozess durch Abstraktion oder Geometrisierung durchmachen, sonst sind sie dazu nicht geeignet. Dieser Wandlungsprozess bedeutet in der Regel, dass dazu Formen aus Formen entwickelt werden. Der Wandlungsprozess für gegenständliche Motive wie zum Beispiel Vögel oder Lurche (bekannt durch den niederländischen Künstler M. C. Escher) ist natürlich schwieriger als für Rechtecke auf Glasfassaden, wo es nur um eine proportionale Anpassung an das Raster geht. In der bildenden Kunst wird die Verwendung von Rastern wie in der Minimal Art inzwischen als ornamentales Prinzip erkannt, in der Literatur, 8n der Musik wird von ornamentalen Folgen und Abläufen gesprochen, nur in der Architektur, in der Technik und im Design steht diese Erkenntnis noch weitgehend aus.

Raster

In der Höhlenmalerei von Frankreich tauchen die ersten Farbflächen auf einem Quadratraster auf. Seither ist das Raster das Ordnungsprinzip par excellence. Es findet hauptsächlich in der Fläche Verwendung, obwohl sich Würfel, Tetraeder und Oktaeder auch in räumlichen Rastern fortsetzen lassen. In der Fläche reduzieren sich die Möglichkeiten, Formen zu ordnen auf drei Grundprinzipien: das Quadrat-/Rechteckraster, das Dreieckraster und das Bandraster. Jedes der drei Raster lässt sich mit Punkten, Linien oder Flächen darstellen, so dass neun verschiedene, aber miteinander verwandte Ornamentbereiche entstehen.

Nach diesem Prinzip ist auch der komplizierteste Perserteppich und das verschlungenste Jugendstilornament aufgebaut.

Das Spiel von Raster und Formen hat wie jedes andere Spiel auch einen Inhalt. Zunächst zu den Formen:
Es gibt:
1. Formen, mit wechselnder Bedeutung, zum Beispiel das Dreieck, dessen Inhalt sich vom Zeichen für Trinität bis zum Verkehrsschild wandeln lässt.
2. Formen mit immer scheinbar gleich bleibender Bedeutung, geschichtslos wie medizinische und magische Zeichen.
3. Formen, die sich einer inhaltlichen Bestimmung eher entziehen, wie Quadrate und Rechtecke.
Formen jedoch verändern ihr Äußeres und damit auch ihren Inhalt bei der Anordnung in einem Ordnungsgerüst. Zum Beispiel das Kreuz mit vier gleichen Bakenlängen: wird es orthogonal aneinandergereiht dann verschwindet es und wird wieder zum Karopapier oder zum Geflecht. Das Kreuz ist nicht mehr direkt zu sehen, aber, wenn das Auge sich auf das Phänomen der Mehrfachlesbarkeit einstellt, ist es wieder wahrzunehmen. Oder ein Dreieck, das auf der Basis steht, hat eine andere Bedeutung als das Dreieck, das auf der Spitze steht. So führt einerseits die Mehrfachlesbarkeit von Formen von vorneherein zu einer Unschärfe in der inhaltlichen Bestimmung, andererseits ist sie eine der wesentlichen Qualitätsmerkmale für Ornament. Je komplexer und vielfältiger die Bezüge desto größer ist der Reiz der Betrachtung.

Die inhaltliche Bestimmung von Ordnung sprich Raster reicht vom kosmischen Bezug über die Abstraktion der elementaren Lebensvorgänge wie Atem und Herzrhythmus bis hin zum Bild von Unendlichkeit. Auch das eine weitere Unschärfe, doch die inhaltliche Unschärfe von Formen und Ordnungsprinzipien, beide beladen mit Komplexität, machen gerade das Faszinosum des Ornaments aus.

Ungegenständlichkeit

Die Ungegenständlichkeit hat verglichen mit der gegenständlichen Formenwelt ein eher mageres Repertoire: Rechtecke, Quadrate, Zirkelschläge und Proportionen. Aber, was ganz entscheidend ist: fällt die Gegenständlichkeit weg, dann fällt auch ihre bequeme Beschreibbarkeit weg, denn sie entzieht sich der Beschreibung, sowohl was ihre Erscheinungsformen als auch ihre Inhalte angeht. Das hat schon eine lange Tradition. Während schriftliche Äußerungen über die gegenständliche Kunst weit zurückreichen, schweigen sie zur gleichzeitigen ungegenständlichen Kunst vollständig. Selbst im  mitteilungsfreudigen Islam gibt es bisher keine einzige Passage über die gerade dort so häufige ungegenständliche Kunst. Paradoxerweise ist aber gerade das Ornament in seiner ungegenständlichen Form die am weitesten verbreitete Kunstform überhaupt. Gerade ihre Unbeschreibbarkeit erweist sich offensichtlich als die Qualität, die für ihre grenzenlose Ausbreitung sorgt. Offenbar kann Ungegenständlichkeit ohne das Medium Sprache und damit unmittelbarer aufgenommen werden. Dafür gibt es nur eine Erklärung: die Aufbereitung der Bilder im Gehirn muss sowohl für den Input als auch  für Output struktural mit dem Ornament verwandt sein. Das heißt, es arbeitet selbst ornamental.

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